Antonia Ablass
textile design



overgrowth

2014 hat eine französische Wettermoderatorin den möglichen Wetterbericht für 2050 mit einer extremen Hitzewelle vorhergesagt. Genau diese wurde am 15. Juni 2022 für die kommenden Tage vorhergesagt. (tagesspiegel) Und während Politiker:innen in Talkshows diskutieren, klimaschädliche Subventionen fließen, Atom und Gas als Klimafreundlich eingestuft wird, die Deutschen kein Tempolimit wollen, für 10 € nach London fliegen, für 50€ mit der Bahn nach Köln fahren, wir uns Freitags auf Demos wieder finden, einem Tag, an dem Shein, wie an jedem anderen 6000 neue Teile launcht, versuchen wir irgendwie noch das Klima zu retten.

Was all die Entscheidungsträger:innen vergessen: Es geht nicht um das Klima, oder die Natur, es geht um uns, die Menschen. Das Klima wird das Klima bleiben. Es ändert sich. Aber es wird bleiben. Mit ihm die Natur, die Natur braucht uns nicht. Täglich sterben 2000 Arten aus. Im vormenschlichen Zeitalter waren es 1-2 Arten pro Tag. (Arte) Trotzdem wird die Natur bestehen bleiben. Gräser, Bäume, Insekten und Tiere, all sie werden wieder da hin gehen, wo sie von uns verdrängt wurden. Für viele, eine Aussicht, die weniger wütend macht, und vielleicht ein bisschen hoffnungsvoll. Die Vorstellung von überwachsenen, verwilderten Städten, in denen Pflanzen die Hochhäuser beranken, Füchse in Tesla kacken und Brennnesseln aus Gucci Taschen wachsen. Tiere bauen sich ihre Nester in verlassenen Schränken, Bäume brechen sich durch die Asphaltschichten und Waschbärkinder klettern auf die Klettergerüste. Eine wunderschöne Vorstellung. Bis es allerdings so weit kommt, wird da ganz viel Leid sein. Es kommt zu Hunger, Wassermangel, Flut, Bränden und Stürmen. Darunter leiden nicht nur wir Menschen, sondern auch die Tiere und Pflanzen. Und während dessen sitzen Entscheidungsträger:innen in Konferenzen und Talkshows, und diskutieren darüber, was man der Bevölkerung zumuten kann. Die Industrie schaut auf Exel-Tabellen und gibt hunderttausende für Manager und Lobbyismus aus. All sie vergessen, es geht nicht um die Natur, sondern die Menschen, und nicht nur die Menschen im globalen Süden sind, oder die Arbeiter:innen ihrer Werke. Nein, es geht auch um sie. Es geht auch um ihre Häuser, Autos und Boote. Auch sie sind betroffen von Fluten, Bränden und Stürmen. Auch ihren Besitz wird sich die Natur holen, und hoffentlich die größten Partys darin feiern.

Wir stecken so viel Zeit in die Entwicklung neuer Produkte, es gibt so viel Innovation und Konkurrenzkampf. Am Ende wird alles von der Natur überwachsen werden. Und da ist egal, wie innovativ, billig, oder einzigartig etwas ist. Alles wird gleichwertig. Alles wird unter einer Pflanzendecke verschwinden. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf, bekommen Gegenstände eine andere Bedeutung? Würden sie rationalisiert werden und über die Bedeutung derer nachgedacht? In dieser Arbeit möchte ich diesem Überwachsen ein Gesicht geben. Ich möchte zeigen, dass Nichts bleibern wird.

Ein bisschen ist es auch der Wunsch, diese utopische Dystopie mitzuerleben. Ein Überwachsen der Natur und wie alles auf einmal egal wird. Gleichzeitig möchte ich aber herausfinden, wie die Natur heute schon in unseren Alltag integriert werden kann. Finden wir einen Weg, vor allem Pflanzen in großem Maßstab mitzudenken, können wir vielleicht das auf uns zukommende Leid reduzieren. Mit einer Integration der Pflanzen (im sozialen Bereich würde man von Inklusion sprechen) könnten wir öfter an die wahren Bedeutungen der Dinge erinnert werden. Vielleicht würde uns das helfen, öfter daran erinnert zu werden, was wirklich zählt. Und egal, was passiert, die Pflanzen wachsen weiter.
hanging garden
© Antonia Ablass
antonia.ablass@posteo.de